
Ob im Treppenhaus, auf dem Pausenhof, beim Friseur oder an der Börse - wo Menschen miteinander kommunizieren, taucht es früher oder später auf: das Gerücht. Das Gerücht ist Hörensagen und Nacherzählen, ein Wechselspiel von Weglassen und Hinzuerfinden. Gerüchte genießen einen zweifelhaften Ruf. Und trotzdem helfen wir alle tatkräftig bei der Verbreitung von Gerüchten mit. Manchmal tun wir dies unbewusst, bisweilen aber auch voller Lust.
Die Ausstellung macht die verschiedenen Facetten des ebenso flüchtigen wie faszinierenden Phänomens „Gerücht“ erlebbar – von Vorurteilen über Verschwörungstheorien bis Urban Legends. Politik und Wirtschaft als Orte der Entstehung und Verbreitung von Gerüchten stehen dabei neben Boulevard, Klatsch und Tratsch. Was machten „Ami-Käfer“ in der ehemaligen DDR? Essen alle Chinesen Hunde? Wer steckt hinter der Mentholzigaretten-Verschwörung? Die Besucherinnen und Besucher begegnen Legenden wie der „Spinne in der Yuccapalme“, dem verschwundenen „Bernsteinzimmer“ oder der „achten“ kanarischen Insel San Borondón.
Empfangen werden die Gäste von der Gerüchtegöttin „Fama“. Im „Flüsterwald“ raschelt und raunt es nur so von erhellenden wie überraschenden Geschichten rund um das Gerücht. Die Besucherinnen und Besucher können sich mit den neugierigen „Gerüchtagenten“ austauschen oder am „Gerüchtegenerator“ selber Gerüchte produzieren. Schließlich absolvieren sie einen Schnellkurs zum „Rumor Fighter“ – und sind künftig für den Umgang mit Gerüchten bestens gewappnet.
Eine Ausstellung des Museums für Kommunikation, Bern
Das Museum wird getragen durch eine Stiftung der Schweizerischen Post und von Swisscom
Wir tratschen gerne und lustvoll – über Familie, Freunde, über Liebschaften, Geldsorgen, Karrieresprünge und Partyabstürze. Doch das gegenseitige Austauschen von Gerüchten macht nicht nur Spaß, es hat auch eine gesellschaftliche Funktion. Der Erzähler gibt als vermeintlicher Aufklärer brandaktuelle Informationen preis und lässt die Zuhörer an kostbarem Wissen teilhaben. Auf diese Weise werden gemeinsame Werte gefestigt und die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe bestätigt.
Vorurteile gegenüber Fremden entspringen der unterschwelligen Angst und dem Misstrauen gegenüber allem, was wir nicht kennen. Aus dem reichen Fundus an Halbwissen über fremde Kulturen und Sitten entstehen Stereotype und Gerüchte, die nur zu oft bereitwillig weitererzählt werden. Bleiben sie lang genug in Umlauf, verdichten sich die Gerüchte zu Vorurteilen. Diese erzeugen wiederum neue Gerüchte, welche die vorgefasste Meinung bestätigen. Vorurteile können gezielt zur Diskriminierung, Ausgrenzung und Diffamierung von Bevölkerungsgruppen missbraucht werden.
Früher wurden für Krankheiten, Missernten und anderes Leid oft sozial schwache Mitglieder der Gemeinschaft verantwortlich gemacht. Als Schuldige eigneten sich besonders Mitmenschen, über die bereits Gerüchte und Vorurteile kursierten. Die Verdächtigungen zogen neue, bösartige Gerüchte nach sich. Am Ende des Teufelskreises standen oft Verbannung oder Todesurteil. Auch heute sind bei komplexen gesellschaftlichen Problemen rasch Sündenböcke benannt. Vorverurteilungen in den Medien, verbale Attacken und körperliche Übergriffe können die Folge sein.
Es heißt, im Krieg stürbe als erstes die Wahrheit. Die Behörden und das Militär informieren selektiv über die Ereignisse. Offizielle Meldungen stehen schnell unter dem Verdacht, Propaganda zu sein und es schlägt ihnen oft Misstrauen entgegen. Widersprüchliche Nachrichten über Kampfhandlungen, Erfolge oder Verluste der Truppen steigern die Verunsicherung. In der Bevölkerung herrschen Ungewissheit und Angst – ein ideales Klima für Gerüchte. Diese können schwerwiegende Folgen für die innere Verfassung kriegführender Gesellschaften haben. Staatliche Stellen werden so zu einem energischen Vorgehen gegen Gerüchte gezwungen.
„Urban Legends“ sind moderne Sagen – Geschichten, die völlig verrückt klingen, aber trotzdem wahr sein könnten. Sie funktionieren wie Gerüchte, werden beim Weitererzählen detailreich ausgeschmückt und den regionalen oder lokalen Gegebenheiten angepasst. Meist wird eine „Urban Legend“ mit der Bemerkung wie „einer Bekannten der Schwester meines besten Freundes ist folgendes passiert…“ eingeleitet. Früher wurden die Geschichten in der Regel mündlich weitergegeben. Heute trägt das Internet maßgeblich zu deren Verbreitung bei.
Klatschjournalismus ist eine Mischung aus Fakten und Spekulation. Beobachtungen und zweifelhafte Informationen, angeblich aus erster Hand, werden zu Skandalen verwoben. Die brodelnde Gerüchteküche ist beste Unterhaltung – und lukratives Geschäft. Die Boulevardmedien freuen sich über hohe Auflagenzahlen, Prominente profitieren von zusätzlicher Publizität. Und das Publikum kann seine voyeuristischen Neigungen ausleben und sich damit vom eigenen Alltag ablenken.
Wer schon einmal Opfer eines Gerüchts war, weiß: Es ist schwierig, sich wirkungsvoll dagegen zu wehren. Heftiges Abstreiten erweckt den Eindruck, an der Sache sei vielleicht doch etwas dran. Möglicherweise führt das Dementi sogar dazu, dass das Gerücht zusätzliche Aufmerksamkeit erhält und sich noch schneller verbreitet. Häufig erfährt das Opfer erst dann vom Gerücht, wenn die Folgen bereits spürbar sind. Diese reichen von süffisanten Anspielungen und spöttischen Bemerkungen bis hin zur sozialen Ausgrenzung und Ächtung.
Mit Gerüchten lässt sich gut Politik machen: Behauptungen beeinflussen die öffentliche Meinung mindestens so stark wie Fakten. Ein glaubhaftes Gerücht bedarf keiner Beweisführung und wirkt bei weitem emotionaler als jede sachliche Kampagne. Gerüchte sind auch ein gutes Mittel, um die politische Konkurrenz zu diffamieren. Halbwahrheiten werden verbreitet, persönliche Schwächen ausgenutzt, Aussagen absichtlich falsch interpretiert. Die so geschmiedete Intrige kann eine vernichtende Wirkung entfalten. Eine Täterschaft lässt sich kaum ermitteln.
Verschwörungstheorien entstehen da, wo unerklärliche, unfassbare Ereignisse und komplexe Vorgänge die Menschen beschäftigen. Anhänger solcher Theorien vermuten hinter den Vorkommnissen größere Zusammenhänge und dunkle Absichten. Geheime Mächte werden als Urheber verdächtigt. Halbwissen und Spekulationen werden zu einfachen Erklärungen für vielschichtige Probleme verwoben. Gerüchte sind wesentlicher Bestandteil jeder Verschwörungstheorie. Ungeachtet ihrer Fragwürdigkeit werden sie als Beweismittel für die Existenz der geheimen Machenschaften ins Feld geführt.
Gerücht und Macht stehen in einem Wechselspiel. Einerseits benutzen Akteure aus Politik und Wirtschaft Gerüchte zur Sicherung und zum Ausbau ihrer Position. So ist das Streuen von Gerüchten zur Diffamierung eines Gegners ein oft verwendetes Mittel. Andererseits ist Macht auch anfällig für Gerüchte. Mit ihnen kann Kritik geübt, Vertuschtes publik gemacht, aber auch Zensur und Redeverbot umgangen werden. Und nicht zuletzt bedeutet Wissen Macht. Zum Ausspielen dieser Macht reicht es Gerüchte in Umlauf zu bringen – oder damit zu drohen.
Das Gerücht im Sinne einer unverbürgten, nicht bewiesenen Nachricht liegt allen Religionen im Kern zugrunde. Ihre Wahrheiten fußen nicht auf Beweisen sondern auf Glauben. Sie beziehen sich oft auf übernatürliche Vorstellungen und gehen von der Existenz eines bzw. mehrerer höherer Wesen aus. Religionen erklären die Ordnung der Welt im Dies- und Jenseits. Dabei bildet die Kommunikation mit der göttlichen Macht durch Rituale, Kulte, Heilslehren und Wunderberichte einen wesentlichen Bestandteil.
Sagen, so wird behauptet, haben immer einen wahren Kern. Gerüchte über Personen, Orte oder Objekte mit lokaler oder nationaler Bekanntheit, über die gesichertes Wissen fehlt, bleiben oft über Jahrzehnte im kollektiven Gedächtnis haften. Durch vermeintlich „neue“ Erkenntnisse werden sie immer wieder aufgefrischt oder um zusätzliche Aspekte angereichert und weitererzählt. So wandeln sie sich zu modernen Mythen und Legenden und bieten selbst Anlass für neue Gerüchte.
Nicht nur der Geschäftsverlauf, auch Spekulationen über den Zustand und die Zukunft eines Unternehmens beeinflussen den Wert der Aktien. Gerüchte werden deshalb als das „Salz der Finanzmärkte“ bezeichnet. Ob Falschmeldung oder wahres aber illegales Insiderwissen: Gerüchte schüren Erwartungen und Ängste bei den Spekulanten. So lassen gut lancierte Übernahmemeldungen oder gezielt gestreute Gewinnwarnungen die Händler betreffende Papiere kaufen oder verkaufen. Das führt dazu, dass die Kurse an den Börsen nach oben schnellen bzw. in den Keller stürzen.



