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Philatelie als Kulturwissenschaft

Eine Tagung des Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin in Kooperation mit dem Museum für Kommunikation Berlin. Mit freundlicher Unterstützung durch SCHLEGEL – Berliner Auktionshaus für Philatelie.

Termin: Freitag, 15. & Samstag, 16. Januar 2016
Ort: Museum für Kommunikation Berlin, Leipziger Str. 16, 10117 Berlin

Programm

Freitag, 15.1.2016
(Öffnungszeiten des Museums 9.00–17.00)

9.15–11.00
Begrüßung: Oliver Goetze (MfK)/ Dirk Naguschewski (ZfL)/ Detlev Schöttker (ZfL)

Moderation: Dirk Naguschewski (ZfL)

  • Andreas Hahn (Archiv für Philatelie Bonn): Essenz einer Nation? Die Germania-Marken des Deutschen Reichs
  • Detlev Schöttker (ZfL): Politische Philatelie in der Weimarer Republik. John Heartfield und Wieland Herzfelde

11.30–13.00
Moderation: Detlev Schöttker (ZfL)

  • Gottfried Gabriel (Jena): Die politische Bildersprache der Briefmarken
  • Oliver Goetze (MfK Berlin): Post von d‘Annunzio. Propaganda auf Briefmarken des Freistaates Fiume, 1919–1924

14.00–16.30
Moderation: Oliver Götze (MfK)

  • Franz-Josef Pütz (Berlin): Briefmarken als Medium der Kommunikation. Das Beispiel Afghanistan seit 1928
  • Roman Siebertz (Bonn): Briefmarken als politisches Medium. Das Beispiel Irans
  • Silke Plate (Bremen): Visuelles Protest-Medium. Die »Untergrundbriefmarken« der polnischen Oppositionsbewegung der 1980er Jahre

 

Samstag, 16.1.2016
(Öffnungszeiten des Museums 10.00–18.00)

10.30–13.00
Moderation: NN

  • Steffen Haug (HU Berlin): Die philatelistische Korrespondenz Warburgs
  • Frank Zöllner (Leipzig): Die Geburt der Bildwissenschaft aus dem Geist der Philatelie? Aby Warburg und die Briefmarke
  • Michael Diers (HfbK Hamburg/HU Berlin): Meerfabrik und Fieberkram. Briefmarkenzeichen bei Warburg, Benjamin und in der Nachfolge

14.00–15.30
Moderation: Margarete Vöhringer (ZfL)

  • Isabella Woldt (Warburg Institute London): Von der Tapisserie bis zur Briefmarke. Warburgs Florentiner Vortrag von 1927
  • Tom Steinert (TU Berlin): Komplexe graphische Repräsentation im Werk von Otto Rohse

16.00–17.30
Moderation: Eva Geulen (ZfL)

  • Dirk Naguschewski (ZfL): Markenkunst
  • Ulrike Vedder (HU Berlin): Plot und Paranoia. Zur historiographischen Funktion literarischer Briefmarken bei Pynchon, Roth und Schrott

 

Obwohl Erfindung und Verwendung der Briefmarke die Kommunikation in der Moderne geprägt haben, ist ihre Bedeutung in den Kunst-, Kultur- und Sozialwissenschaften kaum gewürdigt worden. Im Gegensatz zur Numismatik ist die Philatelie keine akademische Disziplin geworden, da Briefmarken – anders als Münzen – keine lange, in die Antike zurückweisende Tradition haben. In dieser Hinsicht lässt sich die Briefmarke mit der Photographie vergleichen. Beide haben sich seit etwa 1840 als neue Bildmedien etabliert, beide wurden von den etablierten Wissenschaften und Künsten über Jahrzehnte hinweg ignoriert. Doch sind Fotos inzwischen Gegenstand unzähliger Untersuchungen in unterschiedlichen Disziplinen geworden.

Wie im Falle der Photographie haben sich zunächst vor allem akademische Außenseiter mit Briefmarken beschäftigt. Unter ihnen ragen aus heutiger Sicht Aby Warburg und Walter Benjamin hervor, die unabhängig voneinander 1927 Überlegungen zur historischen, politischen und ästhetischen Bedeutung des Gegenstands formuliert haben: Warburg in einem Vortrag, der eng mit seinem letzten Dokumentationsprojekt, dem Bilderatlas »Mnemosyne«, verknüpft war; Benjamin in einem Feuilleton-Beitrag, den er in sein Aphorismen-Buch »Einbahnstraße« (1928), einem frühen Versuch zur Diagnose der Moderne, übernahm.

In beiden Fällen handelt es sich um knappe Ideenskizzen, deren Bedeutung lange Zeit übersehen wurde: Warburg veröffentlichte seinen Vortrag nicht, Benjamins Formulierungen waren stark poetischer Natur. Dennoch werden hier erstmals Theorien skizziert, die in der neueren Kunst- und Kulturgeschichtsschreibung herausragende Bedeutung bekommen haben: die massenhafte Reproduktion und die globale Verbreitung von Bildern, die Bedeutung populärer Bilder als Ausdruck kollektiver Denk- und Vorstellungswelten, das Sammeln als kulturanthropologisches Phänomen, die Dokumentation alltäglicher Gebrauchsgegenstände als Grundlage der Kulturgeschichtsschreibung, Mikrologie als Methode philologischer und kulturwissenschaftlicher Analyse.

Das Kolloquium wird die Ideen Warburgs und Benjamins aufgreifen, um den kulturhistorischen, politischen und ästhetischen Status der Briefmarke zu analysieren.

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